Active Environmental Work is Worship

Aktiver Umweltschutz ist Gottesdienst

Klaus Rösler - November 04, 2008

L i s s a b o n – Gerade Christen müssen sich für den Schutz der Schöpfung einsetzen. Diese Forderung wurde bei der Eröffnung der Ratstagung der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF) am 25. September in Lissabon erhoben. Der britische Buchautor, Theologe und Wissenschaftler Ernest C. Lucas (Bristol) wies darauf hin, dass die Sorge um die Schöpfung Gottes eine „priesterliche Pflicht“ sei. Das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung sei Teil des Gottesdienstes. Lucas wies die Anschauung zurück, wonach es für die Kirche und für Christen wichtigere Themen als Umweltfragen gebe und man sich statt dessen etwa vor allem für die Ausbreitung des Evangeliums engagieren müsse. Lucas räumte ein, dass im Neuen Testament Umweltfragen kaum behandelt würden, weil es geschrieben wurde, um den Glauben an Jesus Christus zu wecken und die aktuellen Probleme der frühen Kirche anzusprechen. Gerichtet an eine verstreute kleine Minderheit, die kein Land besaß, spricht das Neue Testament diese theologischen Fragen nicht an. Eine biblische Basis für den Umweltschutz finde sich aber im Alten Testament. Sie habe Auswirkungen bis hinein ins Neue Testament, meinte Lucas: „Wir können nicht behaupten, dass wir Gott lieben, wenn wir uns nicht aktiv um diese Erde und alle Lebewesen kümmern.“ Gott habe nach den Aussagen des Schöpfungsberichts alles „sehr gut“ erschaffen. Doch seit dem Sündenfall leide auch die Schöpfung. Jesus Christus, der Sohn Gottes, sei auf diese Erde gekommen, um einerseits die gestörte Beziehung zwischen Menschen und Gott wiederherzustellen, aber auch, um Gottes ursprüngliches Ziel mit seiner ganzen Schöpfung zu erfüllen: „Nachdem nun für uns Christen unsere Beziehung zu Gott wiederhergestellt ist, haben wir die Verantwortung, um in der Kraft des Heiligen Geistes die weitere Zerstörung der Schöpfung zu verhindern.“ Wer das nicht tue, versündige sich, meinte Lucas. Wenn Jesus Christus seine Nachfolger aufforderte, Gott und den Nächsten zu lieben, gehöre es dazu auch, die Luftverschmutzung zu verringen und die Umwelt zu schonen. Lucas widersprach auch der Auffassung, dass die Erde am Ende der Zeiten völlig zerstört werde. Sie werde vielmehr erneuert: „Was wir heute für und auf der Erde tun, hat ewige Folgen.“ Fragen der Schöpfungsverantwortung und des Umweltschutzes standen im Mittelpunkt der Beratungen der 130 Delegierten aus 40 Baptistenbünden Europas und des Nahen Ostens.

Im Schokoriegel kann Sklavenarbeit stecken

In einer Andacht über den biblischen Schöpfungsbericht rief die estnische Theologin Helle Liht (Prag) zu einem bewussteren Lebensstil auf, um die Schöpfung Gottes nicht noch mehr zu schädigen. Liht unterstrich, dass wir dazu berufen sind, Gottes Bildnis wieder zu spiegeln, der Schönheit, Leben und Freiheit schafft und aufrecht erhält. Sie rief die Delegaten auf, ihre täglichen Aktivitäten daraufhin zu prüfen, ob diese wirklich Gottes Natur reflektieren. Insbesondere unterstrich Liht die Praktiken, die in der Nahrungsmittelproduktion üblich sind. Schokolade, Kaffee und preisgünstige Kleidung werden oft von Industrien angeboten, die natürliche Habitate zerstören und Arbeiter ausnutzen, denen grundlegendste Rechte und Lebensstandarte verweigert werden: alles mit dem Ziel, den Endpreis für die Verbraucher niedrig zu halten. Konsumorientiertes Verhalten fördere den Klimawandel, der die ärmsten und unbeteiligten Menschen dieser Welt oft am meisten trifft: diejenigen, die sich nicht gegen Folgen von Dürre, Hunger und Überflutung schützen könnten. Deshalb gelte es immer wieder neu darüber nachzudenken, was es heißt, dass Menschen nach den Worten der Bibel als Ebenbild Gottes geschaffen seien.

Umweltfragen finden kaum Anklang in Gemeinden

In den Gemeinden der Baptistenbünde Europas finden indes Umweltfragen kaum Anklang. Das wurde bei einem nur schwach besuchten Seminar auf der Ratstagung deutlich. Im britischen Baptistenbund gibt es einige Bildungs- und Informationsangebote zu Fragen der Ökologie und des Umweltengagements, doch sie stießen in höchstens zehn Prozent aller Gemeinden auf Resonanz, meinte der Generalsekretär des britischen Baptistenbundes, Jonathan Edwards (Didcot). Die weitest gehenden Regelungen gibt es im Baptistenbund in Schweden. Vor zwei Jahren habe man eine Resolution verabschiedet, die einen Zusammenhang zwischen Umweltfragen, Gesundheit und den Lebensstil herstellt, erläuterte Generalsekretärin Karin Wiborn (Stockholm). Ein Jahr später seien konkrete Empfehlungen verabschiedet worden, nach denen sich die Mitarbeiter in der Zentrale der Freikirche orientieren. Dazu gehört unter anderem, bei Dienstreisen innerhalb von Schweden weder Flugzeug noch Auto zu benutzen, sondern den Zug. Konferenzen sollten möglichst selten organisiert und statt dessen durch Besprechungen im Internet ersetzt werden. Auf Auslandsreisen soll weitgehend verzichtet werden. Zudem sollen bei den Lebensmitteln möglichst nur noch Fairtrade-Produkte gekauft werden. In den baptistischen Gemeindehäusern soll zudem ganz auf den Konsum von Alkohol und Rauchwaren verzichtet werden. Inzwischen hätten sieben Mitarbeiter sogar ihren Privatwagen abgeschafft. Allerdings soll kein „Sündenkatalog“ aufgestellt werden. Es gehe vor allem darum, das eigene Bewusstsein für diese Fragen zu schärfen, meinte Karin Wiborn. Sie räumte ein, dass ihr Leben seit Einführung dieser Regeln beschaulicher und langsamer geworden sei.

Innerhalb der EBF gibt es bisher keine verbindlichen Umweltstandards. Allerdings wurde angeregt, ob die EBF für die vielen Dienstflüge innerhalb Europas nicht freiwillig einen Kohlendioxid-Zuschlag bezahlen solle. In dem Seminar wurde bedauert, dass sich offenbar keine Teilnehmer aus den Mitgliedsländern der früheren Sowjetunion für diese Fragestellung interessierten, da aus diesen Ländern niemand am Seminar teilnahm. Eine Vertreterin aus Kroatien bat um Nachsicht. Umweltfragen spielten in diesen Ländern noch überhaupt keine Rolle in christlichen Gemeinden. Und selbst in Kroatien als einem „Brückenland“ zwischen Ost- und West gebe es keine Mülltrennung und Waschmaschinen und Autos würden nicht selten in Flüssen und Seen einfach versenkt. Wo Menschen um ihren täglichen Lebensunterhalt kämpfen müssten, weil sie kaum ausreichend Geld zur Verfügung hätten, hätten Fragen des Umweltschutzes kaum eine Chance, hieß es. Doch gerade deshalb müssten solche Fragen aus biblischer Sicht gerade in christlichen Gemeinden behandelt werden, wurde angeregt. Es gehe nicht um einen großen umfassenden Wurf, sondern solche Entscheidungen könnten jeweils nur Schritt für Schritt eingeführt werden.

Auf dem Treffen wurde die in Portugal gegründete christliche Umweltbewegung „A Rocha“ vorgestellt. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich gegen das Aussterben der Arten - nicht nur in Portugal, sondern auch in Frankreich, Tschechien, dem Libanon und einigen afrikanischen Ländern. Mitarbeiter Tiago Branco (Lissabon) rief die Kirchengemeinden dazu auf, sich für den Schutz der Schöpfung zu engagieren: „Sie sind entweder ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems.“ Gerade arme Menschen litten unter dem gegenwärtigen Klimawandel am meisten, weil er ihnen die Lebensgrundlagen raube. Deshalb diene die Wiederherstellung von guten Lebensbedingungen für die Tiere letztlich auch den Menschen (www.arocha.org).

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