How Can a Religious Minority Influence Society?

Wie kann eine religiöse Minderheit eine Gesellschaft prägen?

Klaus Rösler - October 22, 2010

Tartu – Wie können Christen als eine Minderheit die Gesellschaft in den Ländern Osteuropas prägen? Mit dieser Frage befasste sich eine Fachtagung der Abteilung für Theologie und Ausbildung der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF) in Tartu in Estland. Der Abteilungsvorsitzende Toivo Pilli (Tartu) wies darauf hin, dass diese Situation für Christen nicht neu sei: „Wir können uns die Christen im Neuen Testament oder die Täufer im 16. Jahrhundert anschauen: Wir können von ihnen lernen.“ Das Treffen stand unter dem Motto „Baptistengemeinden und veränderte Gesellschaften: Osteuropäische Erfahrungen“. Die 14 Teilnehmer aus acht Ländern beschäftigten sich mit dem tiefgreifenden Wandel der Länder Osteuropas in den letzten 20 Jahren. Wie es hieß, seien viele Länder nicht nur post-kommunistisch, sondern auch post-christlich geworden. Und es gebe große Unterschiede zwischen ihnen, wie ein Vergleich zwischen Russland, Lettland und Rumänien zeige.

Olegs Jermolajevs und Edgar Marzis aus Lettland wies darauf hin, dass die Christen in ihrem Heimatland es leid seien, sich mit immer neuen Missionsprojekten zu befassen. Was zähle, seien Beziehungen zu anderen Menschen. Wichtig sei es auch, die Bedürfnisse einer Gesellschaft genau zu analysieren und auf sie zu antworten und nicht nur Gemeinden zu gründen, meinte der aus Deutschland stammende Alttestamentler Prof. Michael Rohde (Elstal bei Berlin). Er führte aus: „Es ist genau so wichtig den Kontext einer Gesellschaft zu analysieren wie sich mit dem biblischen Text auseinanderzusetzen.“ Cornel Boingeanu aus Rumänien verwies darauf, dass Evangelikale wie Baptisten in seinem Land die Menschen ermutigten, die Bibel zu lesen. Bibelstudiengruppen würden helfen, im Glauben zu wachsen und auch Nachbarn missionarisch zu erreichen. Er fügte hinzu: „Jesus hat uns aufgefordert, nach Jerusalem und Samarien bis an das Ende der Welt zu gehen.“ Die rumänischen Baptisten fragten sich: „Was ist Samarien für uns?“ Ihre Antwort laute: „Unser Samarien sind die Zigeuner.“ Deshalb arbeiteten die Baptisten in dem Land unter Sinti und Roma – mit Worten und Taten der Nächstenliebe.

Bei den Beratungen wurde auch deutlich, dass Regionen wie Ostdeutschland und Estland mit einem dramatischen Rückgang von Kirchenmitgliedern zu kämpfen hätten. In Ostdeutschland gehörten 70 Prozent der Bevölkerung keiner Kirche an. Und obwohl die Kirche im täglichen Leben immer bedeutungsloser werde, würden manche Werte sehr geschätzt: etwa die Ausbildung, die Familie, die Arbeit. Was haben Christen diesen Menschen anzubieten, wurde in der Diskussion gefragt. Alexander Popov aus Russland und Zbigniew Wierzchowski aus Polen erläuterten die gesellschaftlichen Veränderungen in ihren Ländern – angesichts eines orthodoxen oder römisch-katholisch geprägten Hintergrundes.

Gunnel Andreasson aus Schwden stellte ein Papier über die Partnerschaften zwischen skandinavischen und osteuropäischen Ländern in den letzten 20 Jahren vor. Wie sie sagte, sind viele Partnerschaften eingestellt worden, weil die Begegnungen der Gläubigen aus West und Ost nicht das Stadium eines gegenseitigen Teilens und Lernens erreicht hätten. „Es ist offenbar leichter, Beziehungen aus einer Position des Gebers aufzubauen“, merkte sie an. Deshalb müssten auch osteuropäische Baptistengemeinden sich klar machen, was sie ihren Partnern geben könnten: Erfahrungen, Theologie, Erkenntnisse. Sie seien nicht nur Empfänger. In den Diskussion wurden angeregt, die Partnerschaften wiederzubeleben, um zu verstehen, was in den 1990er Jahren passiert ist und um dann eine Partnerschaft auf Augenhöhe leben zu können.

Toivo Pilli freute sich besonders für das Fazit eines katholischen Priesters aus Lettland, der sich an den Diskussionsrunden beteiligt hatte: „Ihr Baptisten seid wie eine Gurke: klein, aber frisch.“ Pilli hofft, dass das Treffen dazu beigetragen hat, dass die Baptisten in ihrem Gemeindealltag wirklich diesem Bild entsprechen.  

Die EBF-Abteilung für Theologie und Ausbildung plant eine weitere Fachtagung zu einem ähnlichen Thema, dann aber vor allem aus der Sicht des Westens. Sie findet vom 12. bis 14. August im Bildungszentrum Elstal in Deutschland statt.

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